Vertrauensgrundsatz

Die Kreuzung Lichtenthalgasse / Liechtensteinstraße. Eine ganz normale Kreuzung, ein ganz normaler Schutzweg …

… nur leider ist es auch hier ganz normal, dass der Vertrauensgrundsatz außer Kraft gesetzt ist. Gesetzlich ist für einen ungeregelten Schutzweg (hier am Wochenende oder in der Nacht) eindeutig festgelegt:

  StVO § 9, Abs. 2

Der Lenker eines Fahrzeuges, das kein Schienenfahrzeug ist, hat einem Fußgänger oder Rollschuhfahrer, der sich auf einem Schutzweg befindet oder diesen erkennbar benützen will, das unbehinderte und ungefährdete Überqueren der Fahrbahn zu ermöglichen. Zu diesem Zweck darf sich der Lenker … einem Schutzweg nur mit einer solchen Geschwindigkeit nähern, daß er das Fahrzeug vor dem Schutzweg anhalten kann …

Es gibt also keine Ausreden. Als Autolenker muss ich genauso wie bei jeder anderen Nachrangsituation auf Sicht fahren, um dem Verkehrsteilnehmer mit Vorrang ein ungehindertes Vorwärtskommen zu ermöglichen. Als Fußgänger sollte ich natürlich genau schauen, aber ich muss gemäß Vertrauensgrundsatz nur in Ausnahmefällen damit rechnen, dass sich jemand (im Normalfall irrtümlich) über eine Verkehrsregel hinwegsetzt.

Die Realität ist umgekehrt: Es ist oft so, dass ein Fußgänger längere Zeit auf der Fahrbahn steht (auf Höhe der geparkten Autos) und trotzdem niemand anhält. Hier geht es also nicht nur darum, dass jemand zu schnell gefahren ist, um sicher anzuhalten, sondern dass zum Teil die Vorrangverletzung auch stattfindet, obwohl ein sicheres Halten möglich wäre.

Verkehrsregeln wurden eingeführt, um eine sichere Fortbewegung von KFZ zu ermöglichen. Dazu müssen sich andere etwas einschränken, was ok ist, weil ein Großteil der Bevölkerung ja direkt oder indirekt von KFZ profitiert. Problematisch ist es aber wenn sich Lenker von Kraftfahrzeugen über die Regeln hinwegsetzen, die extra für sie eingeführt wurden und dabei noch dazu andere Menschen unmittelbar einschränken oder sogar gefährden. Dann ist für mich eigentlich die Grenze des gesellschaftlich Akzeptabeln erreicht.

Aus psychologischer Sicht ist das ganze natürlich komplizierter, wie es auch vom Kuratorium für Verkehrssicherheit erklärt wird. Der Kraftfahrer hat eine gewisse Machtstellung, die er dann auch ausnützt – so denken wir nunmal. Und weil der Fußgänger das auch so sieht, ist die Anzahl der Unfälle natürlich viel geringer als die Anzahl der Vorrangverletzungen. Trotzdem finde ich es unbefriedigend: In einem Rechtsstaat sollte so etwas nicht passieren.

Hier ein paar potentielle Lösungsvorschläge:

  • Öffentliche Meinungsbildung, um die Menschen an die Rechtslage zu erinnern (dafür auch dieser Blogpost)
  • Ausweitung von 30km/h Zonen
  • Intelligente Fahrzeuge, die in solchen Situationen automatisch anhalten (und die offenbar fehlende soziale Intelligenz des Fahrers wett machen)
  • Passe die Rechtslage an die Tatsachen an (das fände ich schade …)
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