Wer ist der bessere Anarchist?

Im letzten Post habe ich versucht darzulegen, dass wir uns alle im Straßenverkehr ein wenig anarchistisch verhalten, unabhängig davon, wie wir uns gerade fortbewegen. Klassisch neigt man dazu, nur die anderen zu beschuldigen ohne eigene Fehler zu sehen. Das Resultat ist, dass wir einander beschimpfen, ohne auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Mit diesem Post möchte ich versuchen die Situation etwas objektiver zu darzulegen.

Zuerst die Definition von „anarchistisch“: Man bricht eine Regel, ohne dabei der Meinung zu sein, etwas falsch gemacht zu haben. In einem perfekten politischen System wäre vielleicht keine solche Aktion tolerierbar. In unserer realen Welt, kann man aber sicherlich bewerten, inwiefern sich ein Regelbruch negativ auswirkt. Im Folgenden ein paar Gedanken dazu und Beispiele aus der Welt des Straßenverkehrs. Eine Möglichkeit ist es die Folgen von Verstößen statistisch auszuwerten. Das wird von offizieller Seite gemacht und die beiden größten Problemquellen Alkohl am Steuer und überhöhte Geschwindigkeit werden auch entsprechend bestraft. Hier möchte ich aber mehr auf qualitative Unterschiede und zwischenmenschliche Beziehungen eingehen, die auch ohne Statistik unmittelbar verstanden werden können.

1. Besonders problematisch sind meiner Meinung nach Regelverstöße, bei denen andere Personen unmittelbar und bewusst gefährdet werden. Dazu zählt es z.B. wenn ein Radfahrer mit voller Geschwindigkeit auf einen Gehsteig mit Fußgängern fährt. Auf einer ähnlichen Ebene ist auch die Vorrangverletzung am Schutzweg, wenn dort offensichtlich eine Person steht, die queren möchte. Ein weiterer Akt in dieser Kategorie ist das In-den-Kofferaum-Fahren auf der Autobahn (insbesondere wenn man dadurch den anderen Teilnehmer dazu bringen will, die Geschwindigkeitsbegrenzung zu überschreiten).

2. Im Zweifelsfall hat nach meinem Verständnis eher der langsamere Recht hat. Wären wir alle Fußgänger, bräuchten wir überhaupt keine Verkehrsregeln. Wie kann ich dann einem Fußgänger böse sein der plötzlich auf den Radweg tritt? Genauso neige ich persönlich dazu, auch Verstöße von Radfahrern nicht so kritisch zu sehen: wären wir alle mit 20-30 km/h unterwegs, könnte man auch ohne ganz so strikte Regeln unfallfrei bleiben. Umgekehrt weiß ich, wenn ich Auto fahre, dass ich besonders aufpassen muss, weil ich andere gefährde.

3. Verstöße, die nicht einmal dem Täter etwas bringen, sind besonders unnötig. Dazu zählt z.B. das Hupen nur zum Ausdrücken von Emotionen – man kommt nicht schneller weiter, stört aber die Anrainer. Genauso sehe ich knappes Überholen von Radfahrern (mit weniger als dem vorgeschriebenem Abstand von 1.5 m) vor roten Ampeln: Man gefährdet und irritiert den Radfahrer, obwohl man ein paar Meter sowieso wieder stehen bleiben muss und der Radfahrer wieder an einem vorbei rollt.

4. Im Zweifelsfall vorteilhaft ist es, wenn man sich der Gefahr und des Regelvertoßes bewusst ist. Das ist wohl das Problem vieler Radfahrer, dass man zu völliger Sorglosigkeit neigt, obwohl man doch eine beträchtliche Geschwindigkeit hat.

5. Verstöße, die mit großer Wahrscheinlichkeit niemanden gefährden oder auch nur einschränken, sind tolerierbar.

Zusammenfassend: Wenn wir schon Regeln brechen, dann sollten wir zumindest auf die unmittelbaren Folgen für andere Verkehrsteilnehmer achten.

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