Assoziative Kohärenz

Wenn wir einen Aspekt einer Sache besonders gut finden, neigen wir dazu auch andere völlig unabhängige Aspekte dieser Sache als gut zu bewerten. Oder wenn wir eine Technologie für nützlich halten, neigen wir dazu Risiken unterzubewerten, auch wenn das eine völlig andere Frage ist. Angenommen unsere Meinungsbildung wäre objektiv, dann wäre das nicht so. Wir würden verschiedene Aspekte einer Sache unabhängig bewerten und dabei in manchen Fällen positiver und in manchen Fällen negativer liegen als der Durchschnitt. Korrelationen dürfte es nicht geben. Das Problem bezeichnet der Psychologe Daniel Kahnemann als assoziative Kohärenz. Was dabei herauskommt ist, dass wir die Welt in Schwarz und Weiß sehen und nicht die Vielschichtigkeit vieler Probleme erkennen.

Beispiele gibt es viele, auch zu meinen Lieblingsthemen:

  • Menschen, die aus moralischen Gründen einen veganen Lebensstil gewählt haben, sind häufig der Meinung, dass dies auch besonders gesund und nachhaltig ist. Umgekehrt versuchen Menschen, die tierische Nahrung für gesund halten, die Probleme von Pflanzenzucht herauszuarbeiten. Die Wahrheit, nämlich dass Ernährung ein extrem komplexes Thema ist und dass es keine einfache Antwort gibt (schon gar keine die mehrere Aspekte auf einmal optimiert), möchte niemand wahrhaben.
  • Menschen, die Autofahren für sehr nützlich halten, neigen dazu Risiken und Umweltschäden für gering einzuschätzen. Umgekehrt wird jemand, der wenig autofährt, die negativen Aspekte höher einschätzen. Die Tatsache, dass Autoverkehr für viele Menschen sehr viele Vorteile bringt aber gleichzeitig auch eine Quelle von Gefahren und Kollateralschäden ist, überlastet unsere intuitiven Wertvorstellungen.
  • Wer Gentechnik für gefährlich findet, wird sie wahrscheinlich deswegen auch für unnütz halten. Wer nützliche Anwendung von Gentechnik vor Augen hat, wird weniger an prinzipielle Gefahren denken.
  • Wer Atomkraft als nützliche Technologie empfindet, wird weniger an Gefahren denken. Wer an der Gefahren denkt, wird darauf vergessen, dass es prinzipiell eine umweltschonende Form der Stromerzeugung ist. Und andere werden wieder die Entstehung von Atommüll als das einzige gültige Argument sehen.
  • Ärzte, die regelmäßig Antibiotika verschreiben, um ihren Patienten zu helfen, werden sich wahrscheinlich wenig damit auseinandersetzen wollen, was für eine langfristige Einwirkung, dass auf die Darmflora haben kann. Umgekehrt sind Eltern, die große Angst vor Impfungen haben, oft nicht bereit, die möglichen Nutzen zu beachten.
  • usw.

Zumindest sollten wir uns des Problems bewusst sein: unsere Intuition ist überfordert, wenn es darum geht vielschichtige Sachverhalte zu bewerten. Wir sollten also nicht auf diese vertrauen, sondern unser „langsames Denken“ einschalten, wie Daniel Kahnemann das nennt. Und die fehlende Bereitschaft das zu tun, ist wohl einer der Gründe warum viele Debatten so hitzig geführt werden.

Umgekehrt kann man dieses Wissen natürlich auch nützen, um einfacher Schwachpunkte in der Argumentation einer anderen Person zu finden …

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